Inklusion ist keine Massnahme
Das neue Behindertenleistungsgesetz verschiebt den Fokus: weg von Vorgaben, hin zu Wahlfreiheit. Was bedeutet das konkret für Führung und Organisation?Inklusion beginnt nicht auf dem Papier, sondern bei Türen, beim Zmorge und bei der Frage, wer im Leben was wählen kann. Inge Vögeli ist Leiterin «Leben mit Beeinträchtigungen» in Frienisberg und spricht über Leadership zwischen Haltung und Systemverantwortung.
Inge Vögeli, mit welchem Bild vom Bereich «Leben mit Beeinträchtigungen» sind Sie nach Frienisberg gekommen – und was hat sich als anders erwiesen?
Ich kam mit einem eher klassischen Bild: Menschen mit körperlichen oder kognitiven Beeinträchtigungen, wie ich es aus meiner bisherigen Arbeit gut kannte. In Frienisberg begegne ich jedoch sehr häufig psychischen Erkrankungen – oft auch mit Spätfolgen nach Suchterkrankungen, die andere Formen der Begleitung brauchen.
Psychische Beeinträchtigungen sind weniger sichtbar und oft komplexer. Sie fordern vom Team viel Aufmerksamkeit und Reflexion. Mich hat beeindruckt, wie engagiert und offen die Mitarbeitenden damit umgehen.
Was bedeutet Leadership in einem Bereich, der so stark von Teilhabe und Inklusion geprägt ist?
Gute Führung heisst für mich, Orientierung zu geben und Vertrauen zu schaffen. Ich setze einen klaren Rahmen, lebe meine Haltung vor – und übergebe dann Verantwortung und Spielraum. Meine Mitarbeitenden sollen in ihrem Bereich selbstständig entscheiden und handeln können. Wer Inklusion leben will, muss Mitarbeitenden Raum geben und nicht alles kontrollieren.
Ich setze einen klaren Rahmen, lebe meine Haltung vor – und übergebe dann Verantwortung und Spielraum.
Wann wird Inklusion in einer Institution zur Führungsaufgabe?
Inklusion ist keine Massnahme, sondern eine Grundhaltung. Genau das macht sie zur Führungsaufgabe, denn eine Haltung kann man nicht verordnen.
In meinem Bereich erlebe ich viel Offenheit. In einer grossen Institution braucht es jedoch Zeit, bis alle ein gemeinsames Verständnis teilen. Besonders dort, wo unterschiedliche Fachrichtungen wie Medizin, Pflege und Sozialpädagogik zusammenarbeiten, treffen verschiedene Perspektiven aufeinander. Diese Unterschiede sind wertvoll, fordern aber Klarheit und Dialog. Führung heisst hier, Räume für Austausch zu schaffen und zu klären, was Inklusion konkret bedeutet.
Was bedeutet für Sie inklusive Haltung?
Nicht die Beeinträchtigung ist das Problem – sondern die Barrieren. Ein Rollstuhl zum Beispiel bedeutet Bewegungsfreiheit. Eine Barriere entsteht erst dann, wenn Türen zu schmal sind, Schwellen im Weg stehen oder ein Postauto nicht zugänglich ist. Inklusion heisst für mich, dass wir nicht zuerst fragen, was jemand nicht kann. Wir fragen, was wir verändern können.
Das betrifft auch konkrete Themen, etwa wenn Sicherheitsvorgaben wie schwere Brandschutztüren neue Hürden für Bewohnende schaffen. Dann müssen wir Lösungen suchen und Prioritäten setzen. Manchmal passiert es, dass Anforderungen schlicht nicht mitgedacht werden. Deshalb müssen wir immer wieder genau hinschauen.

Zur Person
Inge Vögeli ist seit März 2025 Leiterin «Leben mit Beeinträchtigungen» in Frienisberg. Sie ist Sozialpädagogin mit fast 30 Jahren Berufserfahrung und hat zuvor die VIVA Stiftung geleitet. Sie lebt in Bern, baut in ihrer Freizeit Lego und tanzt Paartanz.
Wie stärken Sie eine inklusive Haltung im Team?
Entscheidend ist, wie wir miteinander und übereinander sprechen, welche Fragen wir stellen und welche Diskussionen wir zulassen. Ich habe kürzlich eine selbst betroffene Inklusionsfachperson eingeladen, die dem Kader Inklusion anhand von Praxisbeispielen gezeigt hat. Ausserdem versuche ich, Informationen auf unterschiedlichen Wegen weiterzugeben, damit sie alle erreichen. Nicht jeder Mensch liest gerne.
In Frienisberg bereiten Sie sich gerade vor, um das neue Behindertenleistungsgesetz umzusetzen. Was verändert sich für Sie?
Das neue Gesetz verändert viel: Der Fokus verschiebt sich von «Wir wissen, was gut ist» hin zu «Wir richten unsere Leistungen an den Bedürfnissen der Menschen aus». Das stärkt die Wahlfreiheit und fordert uns gleichzeitig heraus. Wir müssen uns als Institution fragen: Was können wir anbieten – und wie unterstützen wir Menschen darin, wählen zu lernen?
Was meinen Sie mit «wählen lernen»?
Wenn ein Mensch jeden Morgen ein Konfibrot bekommt, überfordert ihn zunächst die Frage «Willst du etwas anderes?». Es braucht kleine Schritte und viel Zeit, in denen die Möglichkeiten erst einmal sichtbar werden, etwa wenn auch Müsli und Joghurt auf dem Tisch stehen. So kann langsam das Verständnis entstehen, dass es eine Wahl gibt. Für mich beginnt Partizipation im Kleinen: beim Zmorge, beim Tagesablauf, beim Essen in der Gemeinschaft – oder eben allein.

Inklusive Haltung im Team
Entscheidend ist, wie wir miteinander und übereinander sprechen, welche Fragen wir stellen und welche Diskussionen wir zulassen.
Ich unterstütze mein Team mit fachlichen Impulsen, Weiterbildungen und ermögliche neue Ideen.
Wo erleben Sie im System weiterhin Grenzen?
In den Köpfen der Menschen – und dort, wo Tarife von Kassen und Kanton den Handlungsspielraum einschränken.
Grenzen für Bewohnende können wertvoll sein. Wir leben im Miteinander und müssen aufeinander Rücksicht nehmen. Wenn ein Zimmer so chaotisch ist, dass es das Umfeld belastet oder das Gebäude schädigt, braucht es Grenzen. Es ist wichtig, auch Menschen mit Beeinträchtigungen ernst zu nehmen, ehrlich zu spiegeln und gemeinsam Lösungen zu suchen – statt aus falscher Rücksicht alles zu tolerieren.
Welche Rolle spielen Ihre Mitarbeitenden dabei?
Sie sind der Schlüssel, denn Inklusion entsteht jeden Tag im direkten Kontakt mit den Bewohnenden. Ich unterstütze mein Team mit fachlichen Impulsen, Weiterbildungen und ermögliche neue Ideen. Ein Beispiel ist der Einsatz von standardisierten Piktogrammen: Wenn wir in der ganzen Institution dieselben Zeichen nutzen, erkennen auch Bewohnende sie wieder, die nicht gut lesen können. Das stärkt ihre Selbstständigkeit und entlastet das Team.
Bei all den Herausforderungen: Woher nehmen Sie Ihre Zuversicht?
Ich bin überzeugt von der UNO-Behindertenrechtskonvention und versuche, im Kleinen etwas zu bewegen. Wenn dadurch Menschen mehr Wahlmöglichkeiten, mehr Orientierung oder mehr Selbstständigkeit erleben, dann weiss ich, warum ich diese Arbeit mache.
